Eine meiner Netatmo Presence Aussenkameras hatte den Geist aufgegeben.
Das Fehlerbild: die Kamera war einfach ausgegangen. Die App meldete: „Die Kamera ist nicht angeschlossen“. Strom lag aber bis zur Kamera an und auch das WLAN war stabil.
Ich hatte mir dann erst einmal eine neue bestellt und montiert, aber ich habe die alte Kamera behalten, um sie zu untersuchen. Im Rahmen der Demontage und Fehleranalyse ergab sich für mich die Möglichkeit einer Reparatur, die ich nun auch schon an mehreren Kameras erfolgreich durchgeführt habe.
Diese Reparatur kann von jedem durchgeführt werden, der etwas Geduld und handwerkliches Geschick vor allem in Feinmechanik und Elektronik mitbringt.
Die Reparatur erfolgt auf eigene Gefahr und Verantwortung - ich übernehme keine Verantwortung für Fehlschläge oder Folgeschäden - und sie sollte auch nur nach Ablauf der Garantiezeit erfolgen.
Ich habe die Fotos während mehrerer Reparaturen gemacht, daher können die gezeigten Kameras unterschiedlich aussehen.
Benötigtes Werkzeug:
- Kreuzschlitz- und Schlitzschraubendreher zur Demontage und Montage der Kamera
- 4er Inbusschlüssel (ggfs. noch aus dem Lieferumfang der Kamera)
- 2,5er Inbusschlüssel (mind. 6cm lang)
- feiner Schlitzschraubendreher
- Spitz- oder Telefonzange
- Sprengringzange
- Elektroniklötkolben + Lötzinn
- Multimeter
- Isolier- und Schutzlack für Elektronik
- Vaseline
- Heißklebepistole + Klebestick
Benötigtes Material:
- Netzteil Meanwell RD-35B
- Schlauchleitung H03VV-F 3x0,75 mm² schwarz ca. 0,5m + Aderendhülsen
- Netzteil-Gehäuse (z.B. aus dem 3D-Drucker)
Als erstes wird die Kamera vom Strom getrennt, je nach Einbausituation entweder durch Ausschalten des zugehörigen Schalters oder durch Ausschalten der Sicherung für diesen Sicherungskreis.
Danach kann die Kamera in umgekehrter Reihenfolge zur Montageanleitung abgebaut werden. Alle Teile und Schrauben sorgfältig aufbewahren, sie werden wieder gebraucht.
Die nun blanken Adern vom Stromkabel an der Hauswand sollten nun mit Lüsterklemmen, Wago-Klemmen o.ä. abgeschlossen werden, dann kann auch die Sicherung ggfs. wieder eingeschaltet werden, falls an diesem Sicherungskreis noch mehr hängt als nur die Kamera.
Wenn die Kamera nun auf der Werkbank liegt, sollte sie umgedreht werden, so dass das Bodengitter oben ist. Mit einem Fingernagel oder kleinen Schraubendreher vorsichtig die Verriegelung leicht nach hinten drücken und das Gitter anheben und entfernen.
Hier sollte nun als erstes die SD-Karte entnommen und sicher gelagert werden.
Der Gehäuseteil mit der Kamera ist mit 6 Schrauben mit dem Metallgehäuse verbunden. Um an alle Schrauben heranzukommen, muss zuerst das Schutzglas vor der Kameralinse entfernt werden. Hierzu VORSICHTIG mit einem feinen Schlitzschraubendreher die beiden Clips-Verriegelungen lösen und das Glas nach vorne herausnehmen. Das erfordert Fingerspitzengefühl und ggfs. etwas Geduld. Bitte KEINE Gewalt anwenden!
Nun sind alle 6 Schrauben zugänglich und können mit einem 2,5er Inbusschlüssel gelöst werden. Vorsicht beim Entnehmen der Schrauben, entweder mit einer Spitzzange oder mit einem Magneten am Inbusschlüssel.
Jetzt wird der Gehäuseteil mit der Kamera max. 2-3mm (!) vom unteren Gehäuse angehoben, nicht mehr! Durch Druck auf das Scheinwerferglas schiebt man die Innereien aus dem Matallgehäuse heraus.
Das Gitter hinter dem Netzteil kann nach unten herausgeschoben werden.
Als nächstes muss das LED-Modul von der Platine getrennt werden. Dazu muss man mit einem feinen Schlitzschraubendreher an der Kameralinse vorbei vorsichtig die Verriegelung des Flachbandkabels hochklappen, anschließend kann mit einer Spitzzange das Flachbandkabel wiederum vorsichtig nach oben aus dem Stecker gezogen werden. Evtl. ist der Stecker mit etwas Heißkleber o.ä. versiegelt, dieser muss vorsichtig entfernt werden.
Erst jetzt kann der Kühlkörper mit dem LED-Modul nach unten von der Platine abgezogen werden, dabei kommen auf der Platine die beiden Federn zum Vorschein, die sonst für festen Sitz sorgen.
Das Netzteil kann ebenfalls einfach aus dem Kühlkörper nach unten herausgeschoben werden.
Nun ist die Kamera soweit zerlegt, um mit der Diagnose zu beginnen.
Wer Probleme mit den LEDs hat - sowohl das normale Flutlicht als auch die IR-Beleuchtung - kann sich das Flachbandkabel anschauen bzw. auch die LEDs durchmessen.
Wir prüfen hier nun aber die Spannungsversorgung. Das Netzteil ist vom Hersteller Helms-Man (Made in China) mit der Modell-Nr. HMB050240315P und sollte 5V Gleichspannung mit 1,5A und 24V Gleichspannung mit 1A liefern. Ihr könnt Euch die Mühe sparen, im Internet nach diesem Netzteil zu suchen. Dies ist eine Auftragsanfertigung von Helms-Man für Netatmo, die es nicht einzeln zu kaufen gibt.
Auf der nun freigelegten Platine findet man die drei Anschlüsse GND (Masse), DCIN (+5V) und +24V. Die ganze Platine ist mit einem Schutzlack gegen eindringende Feuchtigkeit geschützt, daher müssen nun vorsichtig die drei Lötpunkte etwas freigekratzt werden, um die Spannungen messen zu können.
Das Netzkabel schliesst man dazu per Lüsterklemme an einem Netzkabel mit Schuko- oder Eurokabel an und steckt es in eine Steckdose.
Mit einem Multimeter (auf Gleichspannung eingestellt) misst man nun an den Lötpunkten: Minus (oder Schwarz) an GND, Plus (oder Rot) an DCIN und danach an +24V.
An DCIN sollten +5V gemessen werden. Das ist die eigentliche Spannungsversorgung der Kamera. Ohne diese 5V passiert gar nichts.
Die 24V sind für die LEDs. Selbst wenn die 5V vorhanden wären, würde bei Fehlen der 24V das Flutlicht und die Infrarotbeleuchtung für die Nachtsicht nicht funktionieren.
Bei meiner ersten Kamera-Reparatur fehlten beide Spannungen.
An diesem Punkt hatte ich damals sogar Kontakt zu Netatmo aufgenommen, um anzufragen, ob es dieses Netzteil als Ersatzteil bei ihnen zu kaufen gibt. Es kam die Antwort, dass es das Netzteil leider nicht als E-Teil gibt. Es gibt Service-Partner für Reparaturen, aber leider nicht für die Aussenkamera:
„Am komplexesten wären alle Elemente im Zusammenhang mit der Überprüfung der Wetterfestigkeitszertifizierungen (dass das Produkt weiterhin den in seinem technischen Datenblatt angegebenen Normen entspricht) und alle Tests, um dies zu überprüfen.“
Nun ging die Recherche los nach einem „passenden“ bzw. geeignetem Netzteil. Dass es in dieser kompakten und vergossenen Bauform kein Netzteil geben würde, war schnell klar. Also suchte ich nur nach irgendeinem Dual-Netzteil für 5V mit mind. 1,5A und 24V mit mind. 1A.
Dabei bin ich schnell auf das Meanwell RD-35B gestossen. Dies liefert 24V bei 1A und bei 5V sogar 2,2A. Das Netzteil gibt es z.B. auf ebay für ~10€ + Versand.
Da das Netzteil aufgrund seiner Größe und Bauform nun aber nicht mehr in der Kamera verbaut werden konnte, musste es extern (wettergeschützt) verbaut werden. Ich hatte aber sowieso vor, eine Kamera an unserer Holz-Gartenhütte zu montieren, um damit den Garten zu überwachen. Somit stand fest, dass das Netzteil im Inneren der Hütte verbaut würde.
Ich habe mir daher mit meinem 3D-Drucker ein Gehäuse gedruckt, um wenigstens den Berührungsschutz sicherzustellen.
Das originale Netzteil ist übrigens in einem Kunststoffgehäuse mit einer Gummimasse vergossen worden. Durch die fehlende Möglichkeit zur Luftzirkulation um die Bauteile kann es hierbei zum Hitzetod einiger Bauteile führen. Ich hatte mal versucht, an die Bauteile vorzudringen, es dann aber irgendwann aufgegeben.
Für eine erste Funktionsprobe der Kamera mit dem neuen Netzteil kann man das vorhandene 3adrige Kabel auf der Niedervoltseite des Netzteils bündig abschneiden, abisolieren und mit richtiger Belegung am Meanwell Netzteil anschließen (GND → COM, +5V → V1, +24V → V2). Die Platine dazu wieder fast komplett in den Kühlkörper einschieben und vorsichtig mit einer Spitz- oder Telefonzange das Flachbandkabel des LED-Moduls in den entsprechenden Stecker einschieben.
Für die Netzseite kann man ein einseitig offenes Eurokabel verwenden, um auf der Werkbank einen Funktionstest durchzuführen.
Wenn alles gut läuft, dann fährt die Kamera nun hoch, wenn man das Netzteil mit Netzspannung versorgt. Die +24V schwanken etwas, je nachdem wieviele LEDs im Strahler angesteuert werden, die +5V kann man nun unter Last mit dem Poti am Netzteil ggfs. noch etwas einstellen.
Nach dem Test das Flachbandkabel des LED-Moduls wieder vorsichtig abziehen.
Das Netzkabel vom Original-Netzteil führt noch durch die Wandhalterung. Hier brauchen wir nun die Sprengringzange, um den kleinen Sprengring zu lösen und die runde Kabeldurchführung dann vom Netzkabel abzuschieben. Auf der Kameraseite vom Kabel muss noch die einseitig abgeflachte Kabeldurchführung abgezogen werden. Die drei kleinen Teile brauchen wir später noch.
Das defekte Original-Netzteil kann dann dem Elektro-Schrott zugeführt werden.
Nun brauchen wir die Schlauchleitung H03VV-F 3x0,75 mm², die hat exakt den gleichen Durchmesser, um durch die gerade demontierten Kabeldurchführungen zu passen.
Die drei Adern der Schlauchleitung werden nun auf ca. 2cm vom Mantel freigelegt, auf ca. 0,5cm abisoliert und vorverzinnt.
Anschließend werden die drei Adern des alten Kabels von der Platine abgelötet (evtl. müssen die Lötstellen noch etwas vom Isolierlack befreit werden) und die drei Adern der neuen Schlauchleitung angelötet. Die Farben spielen hier auf der Niedervolt-Seite keine große Rolle, man muss sich nur die Farben für den Anschluss am Netzteil merken. Evtl. hier mit dem neuen Kabel zum Netzteil nochmal einen Funktionstest machen (s.o.).
Nun kommt der Isolierlack zum Einsatz, hiermit werden die drei Lötstellen wieder versiegelt (Herstellerangaben beachten), bitte entsprechend trocknen lassen.
Anschließend werden die Kabeldurchführungen in der richtigen Ausrichtung und Reihenfolge auf das Kabel geschoben.
Zum (endgültigen) Zusammenbau wird das Kabel durch den nun leeren Schacht des Original-Netzteils verlegt.
Das Gitter wird eingeschoben, die Platine wieder in den Kühlkörper eingeschoben und das Flachbandkabel des LED-Moduls verbunden. Hier wird nun der Stecker des Flachbandkabels mit etwas Heißkleber gegen Feuchtigkeit versiegelt.
Nach dem Einschieben in das Metallgehäuse können wieder die 6 Schrauben befestigt werden.
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Tipp: vor dem Einsetzen des Schutzglases vor der Kameralinse bitte die Chance nutzen und die Linse der Kamera von eventuellen Verschmutzungen reinigen.
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Tipp: die SD-Karte entnehmen, den Kartenschacht mit Vaseline „befüllen“ und die SD-Karte wieder einsetzen. Nur das schützt die SD-Karte und den Kartenschacht vor Feuchtigkeit.
Wer seine Kamera am ursprünglichen Montageort wieder aufhängen will, braucht evtl. ein entsprechend großes und wasserdichtes (Aufputz-)Gehäuse für das Netzteil. Die Schlauchleitung für die Niederspannungsversorgung der Kamera muss dann durch die Wandhalterung hindurch zum Netzteil in diesem Gehäuse geführt werden. Bitte niemals die Netzspannung direkt an die Schlauchleitung zur Kamera anschließen.
Da ich die Kamera an unserer Gartenhütte direkt unter der Regenrinne montiert habe, habe ich ihr zur Sicherheit noch ein Schutzdach spendiert.
Im Inneren wurde das Netzteil mit dem Gehäuse aus dem 3D-Drucker montiert (hier noch ohne Aderendhülsen).
Die Kamera läuft übrigens zum heutigen Zeitpunkt schon seit einem halben Jahr ohne Probleme, sie hat den Sommer (Hitze), Herbst (hohe Luftfeuchtigkeit) und Winter (Regen und Schnee) anstandslos überstanden.























